Sonntag, 1. Januar 2012

Dienstag, 28. Juni 2011

It's a mops life!



(Ich habe mich verliebt. In einen Vierbeiner mit weichem Fell.
Heute bei Starbucks.)

Freitag, 24. Juni 2011

Dienstag, 21. Juni 2011

a sweet memory.

I had a friend from Berlin here, and we talked about Jonathan. I have just thought about him, she said. What did you remember, I asked.
She smiled: I remembered what he wrote to you about the dessert.

I was in a hospital, having a hard time being annoyed by therapists.
He wrote me almost every day. One day, he wrote: I know you're having a hard time. It's like a desert you have to go through – no, not a dessert my dear, I'm sorry :)

What I loved about him, what I really loved, was how he made me laugh.

Samstag, 18. Juni 2011

Miniaturen


Eine weibliche Verwandte
Meine Oma war eine vornehme alte Frau mit schlanken Händen und Ringen an den Fingern. Ihre Handgelenke waren so dünn, dass enge Armreifen darumpassten. Sie fand meinen Vater ungehobelt, weil er etwas Grobes hatte, furzte und fluchte. Sie war immer zurückhaltend übte Kritik nur in Form leiser Ironie. Gleichzeitig beugte sie sich zähneknirschend den Regeln im Haus meiner Eltern. Sie ertrug tapfer, als mein Opa starb, und machte jedes Jahr brav eine Kreuzfahrt. Wenn man sie fragte, wie es ihr gehe, bewahrte sie Haltung. Nur manchmal klang Ihre Stimme belegt, und sie sagte, traurig und wütend zugleich: "Scheiße!"


Die Farbe Rot
Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal meine Haare mit Henna färbte. Ich war 16 und hatte wochenlang darum gebettelt, ohne dass meine Eltern mehr dazu sagten als "Du spinnst wohl!".
Als ich es endlich tat und eines Samstags morgens mit leuchtend roten Haaren zum Frühstückstisch kam, mussten sie zugeben, dass mir die Farbe gut stand. Ich habe seitdem lange und kurze Haare gehabt, aber nie mehr meine Originalhaarfarbe getragen – die erste grauen Härchen bemerke ich nur, wenn der Haaransatz herausgewachsen ist.


Ein Geräusch
Ich habe nie gewusst, wie mich das Kreischen von Möwen an die letzten Tage mit Jonathan in Santiago de Compostela erinnert.
Erst als ich wieder dort war, im Spätsommer 2008, nahm ich sowohl das Möwengeschrei als auch den Geruch vom Meer wahr. Santiago hat ein kühles, luftiges Klima. In eine andere Zeit zurückversetzt, wanderte ich durch die Stadt und versuchte, durch den Tränenschleier in meinen Augen, mich selbst wiederzufinden.


Meine Grundschullehrerin
Ich erinnere mich an meine Klassenlehrerin in der Grundschule.
Frau Kley war eine strenge Person mit einem großen Herzen. Sie hatte braunes, störrisches Haar und viele kleine Falten um die Augen. Meist trug sie beigefarbene Seidenblusen mit Puffärmeln und Schleife und dazu einen konservativen Rock aus kariertem Wollstoff und Schuhe mit breiten Absätzen. Sie sprach ein abgehacktes, schnelles Rheinisch. Wenn man brav war, malte sie einem ein Sönnchen ins Heft. Für zehn Sönnchen konnte man sich bei ihr einen Aufkleber aussuchen. Wer frech war oder schwätzte, bekam einen Knuff.


Ein Essen
Ich erinnere mich nicht, was ich anhatte, als wir im Daitokai in Köln meinen 18. Geburtstag feierten. Woran ich mich erinnere, ist ein feierliches Staunen, der Geruch von heißem Öl und das Knistern der Fischstücke und Muscheln, die auf einer Steinplatte kurz angebraten wurden, bis sie eine feste Konsistenz bekamen. Ein Koch war nur für uns zuständig und hantierte kunstvoll mit einem scharfen Messer. Meine Großeltern, mein Freund Axel und ich müssen festlich angezogen gewesen sein, denn ein Besuch im Daitokai kostete 400 Mark. Ich erinnere mich nicht an die Fahrt nach Hause, aber daran, auf der Treppe zu meinem Zimmer bei der Rückkehr rote Rosen in Bierflaschen standen, auf jeder Stufe eine. Achtzehn Stück.


Regen
Es regnete in Strömen, als Bernard und ich von Santiago nach Arco wanderten. Neblig die Eukalyptusbäume in den Wäldern, rauschende Bäche die lehmigen Wege. Wir wurden klatschnass. In der Bar dampften die Klamotten, ich konnte kaum warten, also liefen wir im Regen weiter. Ich fing an, einen holprigen Wetterbericht auf Spanisch vorzutragen, während wir an den flachen, langgestreckten Gebäuden des galicischen Fernsehens vorbeikamen, und brachte Bernard damit zum Lachen.

(September 2009, nach einer Anregung aus dem Buch "Old friend from far away" von Natalie Goldberg. Für jede Übung hatte ich 3 Minuten Zeit, gemessen anhand eines Stundenglases mit rotem Sand.)

Donnerstag, 7. April 2011

Donnerstag, 31. März 2011

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären...

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit...

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

(Rainer Maria Rilke)

Freitag, 16. April 2010

Es ist Frühling, und ich bin verliebt.

Unsere erste Begegnung vor vier Jahren bestand aus schlaflosen Nächten, wortkargen Frühstücken und tränenreichen Nachmittagen.

Ich habe den Blockbuster-Videoverleih besser kennen gelernt als Dich. Aus den aufregenden fremden Köstlichkeiten, auf die ich mich so gefreut hatte, sind Thai-Gerichte in Schachteln geworden, die ein Mann mit Schirmmütze vorbeibrachte.

Unsere Entdeckungsreisen fanden in der Mall statt und dauerten meist nicht lange. Zurück kamen wir nicht mit windzerzausten Haaren und neuen Bildern im Kopf, sondern nur mit Tüten voller Essen.

Obwohl ich ganz in Deiner Nähe war, konnte ich Dich nur selten erreichen. Ich habe mich eingesperrt gefühlt, obwohl ich wusste, dass die ganze Welt da draußen vor mir liegt. So war das mit uns.

Unsere kurze Episode fand in einem unserer dunkelsten Momente statt. Dennoch habe ich Dich nie vergessen. Trotz allem ist da Liebe, und Neugier auf alles an Dir, was ich im Oktober 2006 unentdeckt zurücklassen musste.

Meine wenigen Einblicke hinterlassen allenfalls eine Ahnung davon, wer Du bist:
Ein Underdog, anders als die anderen, und irgendwie ein bisschen stolz darauf. Lebensfroh mit einem Hauch Melancholie. Jemand, der sich einen Dreck um die Meinung anderer schert. Freiheitsliebend. Vielfältig. Verwirrend. Nie so, wie man denkt.

Dein Duft von Tarte aux Limon und schwarzem Kaffee kommt mir in den Sinn, gemischt mit dem Dunst von chinesischem Dim-Sum, gebuttertem Popcorn und einem wehmütigen, fast schmerzhaften Hauch von Zigarettenrauch. Wenn ich an Dich denke, höre ich das Glockengeläut vom Notre Dame, Geklapper von Pferdekutschen, und Menschen, die auf den Straßen in einer fremden Sprache schwatzend vorbeihetzen. Du sprichst diese Sprache, und dafür habe ich Dich immer geliebt.

Ich wollte unbedingt so werden wie Du.
Wollte Deine Sprache lernen, die seltsam nasalen Endlaute, die verschluckten Vokale, dieses kaum hörbare, weiche "s" wie in J'te d(s)ie, die religiösen Bilder in jedem Fluch – Tabernak! – und Deine schamlose Direktheit – N'importe quoi! Ich empfand mehr Zuneigung zu Dir als zu meinen eigenen Landsleuten, auch wenn sie noch so schönes Hochdeutsch sprechen.

Es lag nicht an Dir, dass ich damals gehen musste. Viele Male habe ich meine Entscheidung hinterfragt, habe bereut, dass ich Dir nicht mehr Zeit gegeben habe.

Wie oft habe ich versucht, aus den wenigen Erinnerungen, die mir bleiben, ein vollständiges Bild von Dir zu zeichnen. Ein paar Kupfermünzen, eine chinesische Kröte, die Reichtum verspricht, ein Ahornblatt. Rezepte für Pate Chinois und Rice Crispy Squares, eine Tüte mit Noix de Cajoux, Schmerztabletten der Marke Doli Rhume, ein französisches Wörterbuch für Kinder. Beweisstücke für Dein schönes Alltagsgesicht. Aber wie viel von Dir steckt in diesen Relikten? Wer bist Du?

Ich habe ja nicht einmal ein richtiges Foto von Dir. Nur eine verschwommene Aufnahme im Rückspiegel des beigemetallicfarbenen Buick – Be careful, objects may be closer than they appear, steht darunter. Closer than they appear, näher als Du denkst – vielleicht ist das die Täuschung, die uns in den vergangenen 4 Jahren voneinander ferngehalten hat. 6000 km, 9 Flugstunden – wenig, wenn man verliebt ist, aber viel zu viel, wenn man Angst hat.

Ich habe Dir nichts versprochen.
Unser Abschied war überstürzt, wortlos und traurig.
Ich habe nicht einmal gewusst, dass es ein Abschied ist.
Und danach dachte ich lange Zeit, es wäre für immer.

Heute halte ich die Arme auf und heiße Dich wieder in meinem Leben willkommen.

Ich werde Deine Sprache lernen, und endlich in Chinatown den Bubble Tea trinken, den Du mir so lange versprochen hast. Ich werde beim Depanneur einkaufen und im Jardin Botanique lustwandeln. Ich werde auf der Rue Ontario in einem billig erkauften Hostelbett ungeduldig auf den nächsten Morgen warten. Dann werde ich mit dem Tranport Public über den Fluss nach Brossard rüberfahren und all die Orte besuchen, die uns damals miteinander verbunden haben, so fest, dass es beinahe wehtat. Ich werde im Oratoire Saint Joseph ein Jubelgebet sprechen und mir den Bauch am Buffet Vegetarien vollschlagen. Am Lac Mephremagog werde ich sitzen, den iPod in der Tasche und Harmonium im Ohr.
Den Fluss werde ich runterfahren, so wie wir es damals schon machen wollten. Und diesmal werde ich Fotos machen. So viele, dass ich sie zwischendurch auf CD brennen muss. Ich werde Pfannkuchen mit Ahornsirup und frische Buttercroissants frühstücken. Ich werde still sein. Ich werde lauschen. Ich werde all den Menschen zuhören, die Deine Sprache sprechen. Ich werde ihnen in die Augen blicken und Dein Spiegelbild darin sehen.

Ich werde Zigarettenkippen auf die Straße schnippen und mir Dir über Deine englischsprachigen Landsleute lächeln. Ich werde Touristen schief anblicken und ihnen Deine Kultur erklären, geduldig, wieder und wieder, so, als wäre es meine.

Ich werde in Dir aufgehen.
Wir werden endlich zusammen sein.

Ich komme zurück zu Dir, Montréal. Schon bald.

Mittwoch, 31. März 2010

Samstag, 20. März 2010

Trost


eine Tasse Tee
ein heißes Bad
Spazierengehen
in der Natur sein
Sauna
sich in eine warme Decke kuscheln
Etwas kochen, mit vielen duftenden Kräutern
Hühnersuppe
Bei Starbucks sitzen und Chai trinken
Achtsamkeit üben
Kuchen backen
Salbeibrötchen backen
Kinderfilme angucken
meine Wärmflasche
Nichtstun
in den Arm genommen werden
Grießbrei
auf der Zoo-Veranda in der Sonne sitzen
den Ofen anheizen
Harry Potter-Filme
Bücher von Marian Keyes
mein Schlafzimmer

Sonntag, 14. März 2010

Aus dem Zettelkasten


Leben heißt,
auf etwas zuwandern.

José Ortega y Gasset

Donnerstag, 11. März 2010

Aus dem Zettelkasten


Die längste Reise
ist die Reise nach innen.


Dag Hammarskjöld

Mittwoch, 10. März 2010

"Wenn ich unterwegs bin, bin ich ich und gucke in die Gegend"


Aus einer poesietherapeutischen Arbeit über Frauenrollen.
Berlin im Dezember 2008.

Die Nomadin

Vielleicht sollte ich das tatächlich tun. Mir einen Koffer mit dem Nötigsten packen, der immer dasteht und darauf wartet, dass mich plötzlich die Reiselust packt – und der mich in sesshaften Tagen daran erinnert, dass ich jeden Tag losziehen könnte.

Ein Rucksack. Zwei Hosen, zwei Hemden, Wanderschuhe, ein Buch, Schreibzeug. Wenn ich unterwegs bin, brauche ich weniger, als wenn ich zu Hause bin. Ich brauche nur das, was ich wirklich brauche, nicht das, was die anderen an mir brauchen. Ich brauche nichts, um mich vom Leben abzulenken, um mich zu beschäftigen. Wenn ich unterwegs bin, bin ich ich und gucke in die Gegend.
Das reicht.

Es reicht, daran zu glauben, dass Schlafgelegenheiten, Mahlzeiten und Freunde auftauchen. Und das passiert tatsächlich: Es gibt immer eine Lösung, und ich liebe die Herausforderungen, die das Unterwegssein stellt, ich liebe die unerwarteten Geschenke und die Geschichten, die ich hinterher erzählen kann. Das ist mein Leben. Dafür bin ich gemacht. Vielleicht ein Schuss des großväterlichen Zigeunerbluts?

Ich bin viel sicherer in der Unsicherheit, der Ungeschütztheit des Wanderns. Ich habe kein Problem mit dem Leben, nur mit Konventionen, und die fallen weg, wenn man nachts um 2 mit durchgeschwitzten Klamotten in einem spanischen Busbahnhof auf den nächsten Morgen wartet. Oh, wie ich das liebe. Und wie viel Vertrauen ich dann in die Welt habe. Das ist mein Wunder.

Leider hat es die Nomadin in mir schwer, denn ein Nomadenleben ist ungewöhnlich und nicht leicht zu verstehen. So kann meine Liebe zum Unterwegssein als Flucht verstanden werden, als Ziellosigkeit, bemitleidenswert, weil ich vielleicht meinen Platz im Leben noch nicht gefunden habe. Das sagen zumindest die vielen Stimmen in meinem Inneren.

Die Nomadin in mir auszuleben, die Abenteurerin mit ihrem Mut und ihrer Neugier und der puren Lust am Leben – so unsicher es auch sein mag – ist nicht immer erlaubt. Zu groß sind die Sorgen der Mutter angesichts der gefährlichen weiten Welt. Was sie sich selbst nicht trauen würde, das darf auch die Tochter nicht. Und vielleicht schwingt auch eine ganz persönliche Angst mit:
Der Großvater, der so sehr geliebt wurde, der war auch so einer. Und wohin hat es ihn gebracht?
Nach Afrika, jauchzt die Nomadin, nach New York, in die Camarque, nach Venedig!
Unsinn, er hatte nie Geld und ist irgendwann gestorben.

Aber alle sterben, funkelt die Abenteurerin.
Sie finde diese ganzen Sorgen lächerlich, denn sie hat schon in der Fremde Freunde gefunden, sie hat auf Flughäfen geschlafen, sich auf dem Busbahnhof in Barcelona das Portemonee klauen lassen und nachts um 4 zwischen Nürnberg und München den ADAC gerufen.
Welch Alptraum, sagt die Mutter.
Die Nomadin kichert – sie fühlt sich in solchen Momente lebendig und endlich am richtigen Platz.

Es fällt ihr schwer, die passenden Klamotten fürs Büro auszusuchen – aber sie kann einen Rucksack packen, sie weiß, wie viele km sie ihren Füßen in der ersten, zweiten und dritten Woche einer Pilgerreise zumuten kann, und sie kann auf Englisch, Spanisch und Französisch nach dem Weg fragen. Sie weiß, wie man Fußblasen behandelt und auf einem Campingkocher ein Dreigängemenü kocht. Für sowas ist sie Expertin. Und das ist genauso gut wie alles andere, auch wenn die Eltern etwas anderes sagen.

Ist sie manchmal einsam, die Nomadin? Ganz sicher – aber nie völlig. Einsam ist sie dann, wenn sie glaubt, man müsse immer mit jemand zusammen sein. Wohl fühlt sie sich, wenn sie wieder und wieder erkennt, dass sie sich selbst genug sein kann, weil sie weiß, dass sie gut für sich sorgt. Und was noch fehlt, dafür sorgt das Leben.

Braucht sie eine Heimat, die Nomadin? Ja und nein. Sie hat ihre Heimat in sich: Die Fähigkeit, überall ihre Tasse und ihr Buch so zu platzieren, als wäre es im eigenen Wohnzimmer, und ein Ruhen in sich selbst, das es ihr ermöglicht, sich auch im Massenschlafsaal noch einen privaten Raum zu schaffen.

Ihr Zuhause liebt sie trotzdem: Als Standquartier, um Kraft zu schöpfen und ihre Reiseerinnerungen zu sammeln – bis es wieder losgeht.

Vor dem Aufbruch

Sie ist eine Abenteurerin in Filzlatschen, nicht hier und nicht richtig dort. Ihr Leipzig ist das Wohnzimmer der Nation, ein behäbiger Literatursalon, in dem verstaubtes Kabarett voller Klischees dargeboten wird.

Fettbemme einsfuffzig. Hier können Sie noch in D-Mark bezahlen. Ob wirklich noch jemand einen Sparstrumpf voller Markstücke unterm Bett hat?

Leipzig ist ein Ort für politisch korrekte junge Familien. Das Kind geht in den Waldkindergarten, die Pastinaken kommen vom Biobauern, und wer krank ist, geht erstmal zum Heilpraktiker. Spirituell interessierte können sich zwischen 20 Sorten Yoga entscheiden, es sei denn, sie fühlen sich doch mehr zur Tanztherapie im Rauchfrei-Cafe hingezogen. Das ist gerade Mode. Oder liegen die Flyer nur deshalb überall herum, weil niemand hingeht?

Leipzig ist kein Platz für Singles. Leipzig ist ein Ort zum Ankommen. Wer seinen Platz noch nicht gefunden hat, braucht hier nicht zu suchen.

Ihre Wohnung ist eine Oase. Hier herrscht ein ständiger Kampf zwischen Ordnung und Chaos. Wer sie besucht, vergisst die Scham über den eigenen Staub in den Ecken. Es gibt Wichtigeres. Bei ihr trinkt man den weltbesten Kaffee, und ihre Suppen können Leben retten.
Es ist oft still bei ihr. Der Lärm des Lebens bleibt draußen auf der Straße. Die Katze schnurrt in der Ecke, eng zusammengerollt und friedlich. Ein schöner, großer Kater mit gemütlicher Wesensart.

Wie der Herre, so's G'scherre, grinst sie mich an.

Diese Stille. Was macht sie eigentlich den ganzen Tag? Ich stelle mir vor, wie sie in ihrem Sessel den ersten Kaffee trinkt. Zum Arbeiten hat sie den größten Schreibtisch der Welt - die ganze Stadt. Mit Zettel und Stift sitzt sie im Zoo und schaut den Zebras nach, sie wandert durch den Park und verbringt Stunden im Cafe.
Es zieht sie nach draußen. Ein Zuhause kann man nur schätzen, wenn man viel unterwegs ist - genau wie das Unterwegssein ein Basislager, eine Heimat braucht, wohin man zurückkehren kann.

Ihr Basislager, ihre Heimat, ihr Rückzugsort: Ein kleines, helles Zimmer von kühler Klarheit oder sonniger Wärme, je nach Wetterlage. Hier steht das Bett, Platz des himmlischen Friedens. Ein schlichter Schreibtisch steht daneben, darüber ein Regal. Hier geht sie in sich, hier kommt sie zu sich. Hier betritt sie die Welt ihrer Erinnerungen. Der ganze Jakobsweg ist hier, in Briefen, Büchern, Fotos, Aufzeichnungen. Eine Tür, die immer offen ist.

Hier sitzt sie oft und träumt von neuen Abenteuern, von der Liebe und vom Glück. Die Wanderschuhe stehen schon bereit.


> Dieser Text entstand im Oktober 2007 in Leizig bei einer Schreibwerkstatt mit Ingeborg Woitsch zum Thema Übergänge.

"Die Welt ist nicht ein Fenster, die Welt ist ein Spiegel"

Unter dieser Überschrift waren die Teilnehmerinnen eingeladen, zu untersuchen, inwieweit sie anhand ihrer näheren und ferneren Umgebung (mein Zimmer - meine Wohnung – mein Viertel –
meine Stadt) ein Bild von sich selbst skizzieren können.

Wo gibt es Parallelen?
Was gefällt mir, was nicht?
Was habe ich mir selbst ausgesucht, wo bin ich "reingeraten"?
Wie passt die Geschwindigkeit meiner Umgebung zu mir?
Finde ich eher Offenes oder Beschützendes?
Ist meine Wohnung ein- oder "ausladend"?

Sonntag, 7. März 2010

"Das hast Du gut gemacht!"








Der Taschenapplaus zum Mitnehmen.

Material:
Gute Worte, Büttenpapier, Hutgummi, ein alter Wäscheknopf aus Omas Nähkasten.

Werkzeug:
Meine alte Schreibmaschine, Reißbrett, Skalpell

Entstanden:
Im Dezember 2009 als Weihnachtsgeschenk für eine gute Freundin, die ein bisschen Applaus verdient hat.

Dienstag, 2. März 2010

Lonely Island Letter #2: February 2010


Making my own time zone

When you're a late riser, days are always too short.
Wake up at 10,
breakfast until 12,
frickeln und friemeln at home until 2,
then ride downtown for appointments, grocery shopping,
and yet it's 6,
and there is still nothing written,
no coffee and cake taken,
no homemade gnocchis made for dinner.

It's so frustrating! Today, when I came back at 6, I had this frustrating feeling again, but an idea popped up in my mind:
What if I make my own timezone?

In my world we have central european time minus two. That means, when everyone has their first coffee break, for me it's waking up time. When they have lunch, I have breakfast. When they have tea time, on my clock it's lunch time. When I have tea time, they're already taking dinner. And when I have dinner, many of them are already in their pajamas.

I'm constantly in a state of bad conscious for being too late. In the mornings I don't make it out of bed in time, at night I try hard to fall asleep at 12, but mostly stay wide awake until 2.

So today when I came back home at 6, I just put the clock back on 4, and immediately felt better: Afternoon coffee break time!

While I write this, it's 5.30 on my clock, and there's still enough time to write a little before preparing dinner. What a gift, two extra-hours. I feel liberated!

Color of the month February
Blue. Like the sky.

Around me:
Diana is busy preparing a performance festival.
You can see the light in Karins kleinem Laden in der Könneritzstraße!
Luise has booked her flight to Florida and will stay her last month in Germany in my guestroom.
My father is home again, after more than a month up north for construction inspection. The house of my childhood will be gone soon. I'm already homesick.
Jonathan is alive and just gave me a sign of life, which didn't sound very happy, but very much like him.
Marina has some space left in her timetable. Call her for freelance jobs!

What I learned in February
Every inner voice has a positive message, even if it doesn't sound like it.

Books
I was still reading "The book thief" when I came across the books of Stieg Larsson, which I have been wanting to read for a long time yet. I'm still busy reading the third one. They're not great literature, but who said that only great literature means great fun? For an afternoon in the sauna losing myself in another world they're just perfect.

Movies
I just discovered the new series "In treatment – der Therapeut".
It's a pearl. I'm grateful and surprised to find something like this on TV. It's slow, quiet, the setting is very simple, just therapist and patient, talking. But nothing is missing.
You have 4 Patients: Laura, Alex, Sophie and the couple Amy and Jake. On fridays, Paul, the therapist, sees his supervisor, Gina, who's a most impressive wise old woman. My favorites are the sessions with Sophie and with Gina. It's sooooo interesting how all these people are in denial about their feelings. You can easily identify with one of them, as we all have our secrets, don't we?

Also, it was "Parallel reality month" – I watched "The Jacket" and "Die Vorahnung." Interesting for everyone who liked "Butterfly effect".
I like the philosophical aspect about it: What if we could change the past? Would it change also the present?

What I'm into at the moment/researching:
Old cell phones. I'm planning to buy every cellphone I've ever had to start an "Old Cellphone Museum". Isn't it interesting how much a little ringtone can guide the way to our memories? That's because in our times the cellphones are companions of everyday. And our ears are good in keeping memories, almost as good as our nose.

I'm wondering if there's a posibility to create a "Portable Camino Museum"? I need to find these transparent zip-bags you use to archive pieces of evidence.

More things I'm into: Learning how to make home made Gnocchis. Finding the right spices to prepare home made Chai Tea with my own spice mix. Spring-Cleaning. Having fresh lillies every week.

New in February:
- Stieg Larsson books
- "In Treatment"
- Mangos, Papayas, Melons and Ananas
- Bircher Müsli for breakfast
- Home made Chai tea
- three pairs of perfect Jeans
- a rosemary bush from the supermarket that feels pretty well on my window sill above the warm heating. It has already some fresh green shoots.

Question of the month
Do I want cigarettes or do the cigarettes want me?

Wisdom of the month
When someone you love is in trouble, and he's very chaotic, you can decide to grow chaotic with him or to stay stable. What would you do, when someone has fallen into the river – would you just jump after him or would you stay at the solid floor of the riverbank to offer him your hand so that he can pull himself out?

My special thanks in january go to:
Stieg Larsson, for hours of reading pleasure.
My new dentist, for empathy.
Mr. S., for wisdom and patience.
Jonathan, for teaching me a lesson about myself.

Future plans:
Be happy and healthy.
Be open to whatever comes my way.

Wish you all a creative march!
Stefka

Montag, 1. März 2010

Aus dem Zettelkasten


Schreiben, bis man
an das eigene Unglück
nicht mehr glaubt, im
Glück des Schreibens.

Elias Canetti

Samstag, 20. Februar 2010

Freitag, 19. Februar 2010

Glück


Nichts mehr,
was Dich treibt,
nichts mehr,

was Dich davon abhält,
Dir eine schöne Tasse Tee zu kochen,
Pergolesis Stabat Mater zu hören,
in den Schnee zu blicken,
die Katze zu streicheln,
in dem abgewetzten Sessel zu sitzen,
das Geschirr zu spülen,
achtsam, Stück für Stück,

vielleicht sogar
den Boden zu wischen,
ein Gedicht zu lesen,
in dem vergilbten Buch mit Leineneinband,

vielleicht selbst
ein paar Buchstaben
aufs Papier zu setzen.


> Dieses Gedicht entstand im Herbst 2008 im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin.
Den Teilnehmerinnen waren nur die ersten drei Zeilen als Inspiration für ein eigenes Gedicht vorgegeben.

Das ursprüngliche Gedicht von Peter Härtling liest sich so:

Montag, 15. Februar 2010

Revolution!


To all the women out there:

Some of us believe that we have to be this and that to be happy.
Some of us believe that we have to be loved by others to be a worthwile person.
Some of us believe that we have to change ourselves to be loved.
Some of us believe that we have to be beautiful, skinny, happy, funny, successful.

Or we believe that we have to be a caring person, a good mother, a good wife, a good girlfriend, a good daughter, a good grandmother.

In relationships we believe that we have to know our partners wishes before they know them. We believe we have to do the first step. We believe we are responsible for keeping the relationship alive. If we are treated lovelessly, we blame ourselves. I was not this and that enough to be loved. We believe that we have to try better to deserve better treatment. We always try to get better. We are never good enough.

We dream about the time when we are a better person: More beautiful, skinny, hairless, with prettier clothes and shoes which are not made for walking, or smarter, more intelligent, we try to stop telling dirty jokes because it's not girlish enough. Swearing is great fun, but girls don't do that. And they never fart. Before they say something wrong, they better keep their mouth shut. A good girl is shy and quiet.

We manage to get still a little bit more adapted to the wishes of whoever - no matter if it's our parents or our friends or our partner. We always try to adapt. It's our great talent. We are so good in adapting that we forget about our own wishes.

Wouldn't it be great to know who we are when we forget about what others think about us?

Lean back and relax, girls. Here are good news for you:

We don't need to be beautiful to enjoy ourselves!
We don't need to be beautiful to enjoy reading a good book.
We don't need to be skinny to unfold our creative talents.
We don't have to wear the most pretty clothes to do our best in a job or project we really like.
We don't need to be the most loveable person in the world to sit at the open window and enjoy the smell of the rain.
We don't need to be someone else to prepare and enjoy a wonderful meal just for ourselves.

If someone doesn't love us as we are, they simply don't love us, but it doesn't matter! It is not our mistake. It's theirs!

If we don't fit into society, it's not us who is wrong. It's society - full of cruel, stupid, oppressing rules for women - and even for men.

Everyone of us is beautiful and perfect. It's our strength that makes us beautiful. Please don't let anyone make yourself weak. Protect yourselves from abusive boyfriends and mothers who must be obeyed. It's your life. Everyone of us has special talents inside - just waiting to be unfolded. Everyone has a complete wonderful life story inside. I see it. Today I see all the possibilities. For all of us.

At the moment I'm reading a book about "wild women". It is called "Women who run with the wolves" (Myths and stories of the wild woman archetype) by Clarissa Pinkola-Estes. Until now I find it inspiring. The friend who recommended it to me is a normal woman - with the difference that she doesn't care for rules about how a woman should be. She has a mustache and she never shaves her legs or armpits. She's a gardener on an organic farm. She comes from work with her old bicycle, with a dirty shirt, a silly sun shade and a pleased smile. She never cares if she's cool. She just does what's right for her.

What this article means for me is something you probably can't just experience by reading. You have to discover it by yourself. You have to feel the power of your wild side - of what's inside you when you - just for a moment - stop to live for other persons. Forget all the rules you have ever heard and live for yourself. Just for a minute, an hour, a day. Try what you can enjoy when you accept yourself as what you are, uncaged from all the rules and wishes that don't belong to you:

A woman, full of special powers. You.

> I wrote this essay in 2007, in a time when I wasn't very happy.
I found myself constantly ruminating about how wrong I was and how much I wasn't how I should be. It was relieving to realize that there are still some good things left when we don't play our roles perfectly – that there is maybe something completely new and powerful to discover when we decide to stop playing any role.
For me, this is one of the most important learning experiences of life: There is no "should".

> You can copy this to share it with the women around you.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Das Gasthaus


Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.

Jeden Morgen ein neuer Gast.

Freude, Depression und Niedertracht
auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit
kommt als unverhoffter Besucher.

Begrüße und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,
die gewaltsam Dein Haus
seiner Möbel entledigt,

selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
Vielleicht bereitet er dich vor
auf ganz neue Freuden.

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu Deiner Führung
geschickt worden aus einer anderen Welt.


The Guest House


This being human is a guest house.

Every morning a new arrival.


A joy, a depression, a meanness,

some momentary awareness comes

as an unexpected visitor.


Welcome and entertain them all!

Even if they're a crowd of sorrows,

who violently sweep your house

empty of its furniture,

still, treat each guest honorably.

He may be clearing you out

for some new delight.


The dark thought, the shame, the malice,

meet them at the door laughing,

and invite them in.


Be grateful for whoever comes,

because each has been sent

as a guide from beyond.


~ Rumi, Übersetzung ins Englische von Coleman Barks ~


Freitag, 5. Februar 2010

Lonely Island Letter #1: January 2010


Welcome to the first Lonely Island Letter!

I'm just coming from my new dentist, who – apart from his beautiful looks and his simple friendliness – managed to do something very evil – without any pain. Isn't it interesting how beautiful and bright the world looks after the dentist visit is over? How we can see the beauty in every little detail?

This is the first in a row of monthly letters from my lonely island (except for two wild animals) in Plagwitz. It's an instrument to track how I'm doing, what I'm into, what the people around me are into, what books I read, films I watched and what I'm grateful for in this month, for everyone who wants to know – including myself.

Here we go...

Color of the month January
White. Snow white.

Around me
My parents are preparing their move. Our old house is sold and yet pretty empty, I guess. Makes me sad, as if I'm losing a part of my childhood. Maybe the biggest part.
Matthias is in a good mood, some changes are in development.
Luise has come back from the USA with new plans. Which include not to stay in Germany for a long time.
Weebee has started her everyday creativity blog, look at it! I am looking forward to inspiring entries from my sister in creativity!

What I learned in January
- How to make chicken legs in the oven
- Life is short and you have only one, but this one is your own and you decide what you want to do with it.
- Midday is the best time for mindfulness practice.
- Saturdays are the best days for shopping list collectors.

Books
I started the new year with "Seelen" by Stephenie Meyer (the original is called "the host"). It was thrilling to read, the story based on a fascinating thought experiment: What part of me defines more who I am – for myself and for others: My body? My soul? Both?

It's a good match to the other "end time" books I read in November/December – "The hunger games" by Suzanne Collins, "Die Straße" (The road) by Cormac McCarthy, and, of course, my longtime favourite "Die Lichtung" (Into the forest) by Jean Hegland.

At the moment I'm reading "Die Bücherdiebin (The book thief) by Markus Zusak. I like the language, and the story is quite absorbing. As ist is mostly a book about father and daughter, would maybe a nice present for a father (mine?)

Movies
I am rewatching Season 1 & 2 of the german crime series KDD-Kriminaldauerdienst, before watching the third and last season on TV. I like it's hyper-realistic style, but it's dangerously addictive - especially for something that will not continue after season 3.

What I'm into at the moment
Mindfulness practice (MBSR). A vague longing to Berlin and the poetry therapy course in that beautiful studio in Kreuzberg. Some unpleasant things bout being sick, being paid while sick, finding a health resort, Steuererklärung, having my teeth made, worrying about the future.
Oh, and chicken leg recipes of course.

New in January:
- My first breakfast at Cafe Cantona.
- I developed a fondness for chicken legs.
- I made my first Paté Chinois, a recipe from Quebec. Une bonne bouffe pour les jours froids!
- First time in Kosmos Sauna after renovation. Still prefer Sauna im See, to be honest.
- First Kneipentatort. Im Kap West. Oder bei Horns Erben.
- First concert of the new gospel choir, I sang a solo!
- Due to my car being stuck in the snow for quite a while, I made some experiences with public transport, something I usually avoid as good as I can. Surprisingly it had at least three positive effects on my life:
1) Arriving in time. 2) Go for a walk every day, fresh air and daylight!
3) Slowing down: I had to start earlier, then I sat in the bus or train, than I had to walk a bit, then I was there in time. It all needed more time, but it felt as if I am given time at the same time.

Question of the month
How can I make peace with my childhood house being sold?

Wisdom of the month
Things you do without a reason have the most potential to include meaning.

My special thanks in january go to
Matthias for extraordinarily amusing and vivid evenings.
Mr. S., as always, for wisdom and some nasty smiles.
Nancy for sharing her photos so that I know that a person I care about is still alive.
David for a New Year's letter. He sent it to me although it's in french. I'm sure he knows I'll find a way to read it.
Pataks for the wonderful indian curries.
Meinem Steuerberater for helping me with the Einkommenssteuererklärung.

Future plans
- Continue my mindfulness practice.
- Calm down. Calm down. Calm down.
- Enjoy life.
- Learn to live with little money
- Keep away from facebook.

Wish you all a creative february,
Stefka

Mittwoch, 3. Februar 2010

Beipackzettel


Du bist Wissenschaftlerin und hast ein neues, wichtiges Medikament entwickelt, das auf der Welt dringend gebraucht wird. Auf einem Kongress stellst Du das neue Heilmittel vor.

Die Zuhörer wollen wissen, für wen das Medikament gedacht ist und was es bewirkt – auch auf lange Sicht. Wirkt das Heilmittel nur in der Gegenwart, oder hat es auch eine Wirkung auf Vergangenheit und Zukunft des Patienten? Was ist für Dich der wichtigste Aspekt der neuen Arznei?

30-45 Minuten. Viel Spaß!

Und hier ist meins.


Selbstliebosan®

Ein Medikament zur sofortigen Weckung verlorengegangener Selbstliebe.

Anwendungsgebiete:
Bei psychischen Leiden wie Depression, Angst, chronischem Missmut oder Ärger. Auch bei Beziehungsproblemen. Überall dort, wo eine selbstliebende Haltung gefordert ist.

Wirkung:
Selbstliebosan® bewirkt ein sofortiges Ansteigen des Selbstliebe-Pegels. Die entsprechenden Hirn- und Herzareale werden nachhaltig angeregt. Einmal erzielte Wirkungen sind dauerhaft.

Die Patienten merken meist ein sofortiges Nachlassen ihres Minderwertigkeitsgefühls. Sie bekommen wieder Lust am Leben und trauen sich neue Dinge zu. Sie vertreten klar ihre Meinung und können liebevolle, auf Unabhängigkeit beruhende Beziehungen eingehen. Sie erziehen couragierte, selbstbewusste Kinder.

Nebenwirkungen:
Hang zur Selbstverwöhnung. Manche Patienten ziehen sich von der Menschheit zurück, sind dabei aber glücklich, weil sie sich selbst genug sind.

Besonderheiten:
Durch eine neuartige Technik ist es uns gelungen, die Wirkung auf Vergangenheit und Zukunft auszudehnen. Nach Einnahme von Selbstliebosan® vergessen die Patienten, dass sie eine schlechte oder von Unsicherheit geprägte Kindheit hatten. Sie können sich plötzlich fühlen und verhalten, als seien sie ihr Leben lang geliebt worden.

Selbstliebosan® wirkt auch im Vorfeld von Missgeschicken bis hin zu Traumata. Unter Selbstliebosan® können schlimme Erlebnisse auf gesunde Weise betrauert und bedauert werden, ohne dass der Patient die Schuld auf sich nimmt.

Hinweis des Herstellers:
Selbstliebosan® löst unser vorheriges Präparat Liebosan® ab, da Selbstliebosan® die Wirkung von Liebosan® automatisch mit abdeckt.

Dieser Text entstand im Herbst 2008 bei der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin. Ebenfalls im Gespräch war eine "Kofferpille", die es ermöglicht, den Inhalt von Koffern und Taschen Mitreisender auf einen Blick zu erfassen und darüber schnell Verständnis für deren persönliche Situation zu entwickeln.

Die Original-Schreibanregung stammt aus dem sehr empfehlenswerten Buch "Kreatives und therapeutisches Schreiben" von Silke Heimes.

Samstag, 30. Januar 2010

Mein Leben als Möbelstück


Wenn Du ein Möbelstück wärst, was wärst Du?
Wie würdest Du aussehen? Wärst Du alt, neu, modern, verspielt, bequem oder unbequem, hölzern, aus Metall, hart, weich, praktisch oder schön? Und was hättest Du schon alles erlebt?

Was hättest Du als Möbelstück zu erzählen?
30- 45 Minuten. Viel Spaß.

Und hier ist meine Variante.

Der alte Sessel

Ich habe schon viele Umzüge mitgemacht. Die Spuren der fremden Orte, der Treppenhäuser, der Umzugswagen, der vielen Arme und Hände, die mich in Wohnungen hinein und aus ihnen wieder hinaus getragen haben, sieht man deutlich. Ich bin nicht mehr so straff wie am Anfang, bin nachgiebig und weich geworden, und hier und da guckt eine Sprungfeder heraus.

Mein Polster ist abgewetzt und fleckig, und so sehr ich mich auch bemühe, sie zu halten, ich muss doch zugeben, dass hier und da ein wenig meiner Füllung herausrieselt und sich unter mir sammelt, wo die Putzfrau sie dann allwöchentlich wegsaugt.

Einer meiner Füße ist gebrochen und notdürftig wieder angeleimt – und doch stehe ich stabil und wundere mich manchmal selbst über meine Standhaftigkeit und darüber, wie viel Gewicht ich aushalte.

Ich war nie ein zierlicher Sessel mit zarten Füßchen, sondern immer schon ein großes Möbelstück, das nicht in jede Ecke passt. Nicht jeder möchte so ein sperriges Stück bei sich zu Hause haben, doch für meine Besitzerin bin ich ein Lieblingsstück. Und jeder, der in mir Platz nimmt, vergisst ganz schnell die Schäbigkeit meiner Polster und die Kratzer auf meinen Armlehnen, und lässt sich einfach nieder.

Ich bin ein Ort, ein Platz, an dem die Menschen zur Ruhe und zu sich selbst kommen inmitten des hektischen Lebens. Auch die Katze, der ich meine abgewetzten Stellen verdanke, liebt mich sehr.

Ich habe schon viel erlebt, und stehe nun an einem ruhigen Platz zwischen Fenster und Ofen, wo ich die Wärme und zugleich den Blick nach draußen genießen kann.

Ich werde nie wieder wie neu sein, aber ich bin ein Lieblingsstück. Und wenn meine Besitzerin mich pflegt und vielleicht auch meine Blessuren flickt und repariert, habe ich noch ein langes Leben vor mir.

Dieser Text entstand im Frühjahr 2009 im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin.

Es scheint ebenso spannend zu sein, sich vorzustellen, man sei ein Musikinstrument. Hinweise auf diese und andere Metaphern-Übungen finden sich in dem Buch "Wörter bauen Brücken" von Gisela Rees-Hartjes.

Und was wärst Du, wenn Du ein Fahrzeug wärst?
"Ich habe schon ein paar Beulen, aber mit mir ist immer noch ganz schön viel los."

Oder ein Küchengerät?
"Sie holt mich nur raus, wenn sie was von mir will."

Ein Zeichenutensil?
"Auch wenn es draußen grau ist, mache ich alles bunt."

Etwas aus Papier?
"Jemand hat mich geschrieben und nie abgeschickt."

Ein Kleidungsstück?
"In mir kann man sich verstecken. In mir ist es immer schön warm."

Sonntag, 10. Januar 2010

Schneenachmittag


Mit leiser Stimme
wispert das Holz im Ofen
wie feine Glöckchen.

Samstag, 9. Januar 2010

Freitag, 1. Januar 2010

Rondell zu Neujahr


Es kehrt Stille ein.
Schweigend bereiten wir dem Raum
für das, was kommen will.
Es kehrt Stille ein.
Wir stellen Blumen hin dem Neuen.
Wir öffnen die Tür.
Es kehrt Stille ein.
Schweigend bereiten wir den Raum.

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Von mir für mich zu Weihnachten.


Mein neuer Kalender für 2010 von Moleskine.

Weil man ab und zu einfach mal was Unvernünftiges, Teures, Wunderschönes kaufen muss.