Aus einer poesietherapeutischen Arbeit über Frauenrollen.
Berlin im Dezember 2008.
Die Nomadin
Vielleicht sollte ich das tatächlich tun. Mir einen Koffer mit dem Nötigsten packen, der immer dasteht und darauf wartet, dass mich plötzlich die Reiselust packt – und der mich in sesshaften Tagen daran erinnert, dass ich jeden Tag losziehen könnte.
Ein Rucksack. Zwei Hosen, zwei Hemden, Wanderschuhe, ein Buch, Schreibzeug. Wenn ich unterwegs bin, brauche ich weniger, als wenn ich zu Hause bin. Ich brauche nur das, was ich wirklich brauche, nicht das, was die anderen an mir brauchen. Ich brauche nichts, um mich vom Leben abzulenken, um mich zu beschäftigen. Wenn ich unterwegs bin, bin ich ich und gucke in die Gegend.
Das reicht.
Es reicht, daran zu glauben, dass Schlafgelegenheiten, Mahlzeiten und Freunde auftauchen. Und das passiert tatsächlich: Es gibt immer eine Lösung, und ich liebe die Herausforderungen, die das Unterwegssein stellt, ich liebe die unerwarteten Geschenke und die Geschichten, die ich hinterher erzählen kann. Das ist mein Leben. Dafür bin ich gemacht. Vielleicht ein Schuss des großväterlichen Zigeunerbluts?
Ich bin viel sicherer in der Unsicherheit, der Ungeschütztheit des Wanderns. Ich habe kein Problem mit dem Leben, nur mit Konventionen, und die fallen weg, wenn man nachts um 2 mit durchgeschwitzten Klamotten in einem spanischen Busbahnhof auf den nächsten Morgen wartet. Oh, wie ich das liebe. Und wie viel Vertrauen ich dann in die Welt habe. Das ist mein Wunder.
Leider hat es die Nomadin in mir schwer, denn ein Nomadenleben ist ungewöhnlich und nicht leicht zu verstehen. So kann meine Liebe zum Unterwegssein als Flucht verstanden werden, als Ziellosigkeit, bemitleidenswert, weil ich vielleicht meinen Platz im Leben noch nicht gefunden habe. Das sagen zumindest die vielen Stimmen in meinem Inneren.
Die Nomadin in mir auszuleben, die Abenteurerin mit ihrem Mut und ihrer Neugier und der puren Lust am Leben – so unsicher es auch sein mag – ist nicht immer erlaubt. Zu groß sind die Sorgen der Mutter angesichts der gefährlichen weiten Welt. Was sie sich selbst nicht trauen würde, das darf auch die Tochter nicht. Und vielleicht schwingt auch eine ganz persönliche Angst mit:
Der Großvater, der so sehr geliebt wurde, der war auch so einer. Und wohin hat es ihn gebracht?
Nach Afrika, jauchzt die Nomadin, nach New York, in die Camarque, nach Venedig!
Unsinn, er hatte nie Geld und ist irgendwann gestorben.
Aber alle sterben, funkelt die Abenteurerin.
Sie finde diese ganzen Sorgen lächerlich, denn sie hat schon in der Fremde Freunde gefunden, sie hat auf Flughäfen geschlafen, sich auf dem Busbahnhof in Barcelona das Portemonee klauen lassen und nachts um 4 zwischen Nürnberg und München den ADAC gerufen.
Welch Alptraum, sagt die Mutter.
Die Nomadin kichert – sie fühlt sich in solchen Momente lebendig und endlich am richtigen Platz.
Es fällt ihr schwer, die passenden Klamotten fürs Büro auszusuchen – aber sie kann einen Rucksack packen, sie weiß, wie viele km sie ihren Füßen in der ersten, zweiten und dritten Woche einer Pilgerreise zumuten kann, und sie kann auf Englisch, Spanisch und Französisch nach dem Weg fragen. Sie weiß, wie man Fußblasen behandelt und auf einem Campingkocher ein Dreigängemenü kocht. Für sowas ist sie Expertin. Und das ist genauso gut wie alles andere, auch wenn die Eltern etwas anderes sagen.
Ist sie manchmal einsam, die Nomadin? Ganz sicher – aber nie völlig. Einsam ist sie dann, wenn sie glaubt, man müsse immer mit jemand zusammen sein. Wohl fühlt sie sich, wenn sie wieder und wieder erkennt, dass sie sich selbst genug sein kann, weil sie weiß, dass sie gut für sich sorgt. Und was noch fehlt, dafür sorgt das Leben.
Braucht sie eine Heimat, die Nomadin? Ja und nein. Sie hat ihre Heimat in sich: Die Fähigkeit, überall ihre Tasse und ihr Buch so zu platzieren, als wäre es im eigenen Wohnzimmer, und ein Ruhen in sich selbst, das es ihr ermöglicht, sich auch im Massenschlafsaal noch einen privaten Raum zu schaffen.
Ihr Zuhause liebt sie trotzdem: Als Standquartier, um Kraft zu schöpfen und ihre Reiseerinnerungen zu sammeln – bis es wieder losgeht.

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