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Mittwoch, 10. März 2010

"Wenn ich unterwegs bin, bin ich ich und gucke in die Gegend"


Aus einer poesietherapeutischen Arbeit über Frauenrollen.
Berlin im Dezember 2008.

Die Nomadin

Vielleicht sollte ich das tatächlich tun. Mir einen Koffer mit dem Nötigsten packen, der immer dasteht und darauf wartet, dass mich plötzlich die Reiselust packt – und der mich in sesshaften Tagen daran erinnert, dass ich jeden Tag losziehen könnte.

Ein Rucksack. Zwei Hosen, zwei Hemden, Wanderschuhe, ein Buch, Schreibzeug. Wenn ich unterwegs bin, brauche ich weniger, als wenn ich zu Hause bin. Ich brauche nur das, was ich wirklich brauche, nicht das, was die anderen an mir brauchen. Ich brauche nichts, um mich vom Leben abzulenken, um mich zu beschäftigen. Wenn ich unterwegs bin, bin ich ich und gucke in die Gegend.
Das reicht.

Es reicht, daran zu glauben, dass Schlafgelegenheiten, Mahlzeiten und Freunde auftauchen. Und das passiert tatsächlich: Es gibt immer eine Lösung, und ich liebe die Herausforderungen, die das Unterwegssein stellt, ich liebe die unerwarteten Geschenke und die Geschichten, die ich hinterher erzählen kann. Das ist mein Leben. Dafür bin ich gemacht. Vielleicht ein Schuss des großväterlichen Zigeunerbluts?

Ich bin viel sicherer in der Unsicherheit, der Ungeschütztheit des Wanderns. Ich habe kein Problem mit dem Leben, nur mit Konventionen, und die fallen weg, wenn man nachts um 2 mit durchgeschwitzten Klamotten in einem spanischen Busbahnhof auf den nächsten Morgen wartet. Oh, wie ich das liebe. Und wie viel Vertrauen ich dann in die Welt habe. Das ist mein Wunder.

Leider hat es die Nomadin in mir schwer, denn ein Nomadenleben ist ungewöhnlich und nicht leicht zu verstehen. So kann meine Liebe zum Unterwegssein als Flucht verstanden werden, als Ziellosigkeit, bemitleidenswert, weil ich vielleicht meinen Platz im Leben noch nicht gefunden habe. Das sagen zumindest die vielen Stimmen in meinem Inneren.

Die Nomadin in mir auszuleben, die Abenteurerin mit ihrem Mut und ihrer Neugier und der puren Lust am Leben – so unsicher es auch sein mag – ist nicht immer erlaubt. Zu groß sind die Sorgen der Mutter angesichts der gefährlichen weiten Welt. Was sie sich selbst nicht trauen würde, das darf auch die Tochter nicht. Und vielleicht schwingt auch eine ganz persönliche Angst mit:
Der Großvater, der so sehr geliebt wurde, der war auch so einer. Und wohin hat es ihn gebracht?
Nach Afrika, jauchzt die Nomadin, nach New York, in die Camarque, nach Venedig!
Unsinn, er hatte nie Geld und ist irgendwann gestorben.

Aber alle sterben, funkelt die Abenteurerin.
Sie finde diese ganzen Sorgen lächerlich, denn sie hat schon in der Fremde Freunde gefunden, sie hat auf Flughäfen geschlafen, sich auf dem Busbahnhof in Barcelona das Portemonee klauen lassen und nachts um 4 zwischen Nürnberg und München den ADAC gerufen.
Welch Alptraum, sagt die Mutter.
Die Nomadin kichert – sie fühlt sich in solchen Momente lebendig und endlich am richtigen Platz.

Es fällt ihr schwer, die passenden Klamotten fürs Büro auszusuchen – aber sie kann einen Rucksack packen, sie weiß, wie viele km sie ihren Füßen in der ersten, zweiten und dritten Woche einer Pilgerreise zumuten kann, und sie kann auf Englisch, Spanisch und Französisch nach dem Weg fragen. Sie weiß, wie man Fußblasen behandelt und auf einem Campingkocher ein Dreigängemenü kocht. Für sowas ist sie Expertin. Und das ist genauso gut wie alles andere, auch wenn die Eltern etwas anderes sagen.

Ist sie manchmal einsam, die Nomadin? Ganz sicher – aber nie völlig. Einsam ist sie dann, wenn sie glaubt, man müsse immer mit jemand zusammen sein. Wohl fühlt sie sich, wenn sie wieder und wieder erkennt, dass sie sich selbst genug sein kann, weil sie weiß, dass sie gut für sich sorgt. Und was noch fehlt, dafür sorgt das Leben.

Braucht sie eine Heimat, die Nomadin? Ja und nein. Sie hat ihre Heimat in sich: Die Fähigkeit, überall ihre Tasse und ihr Buch so zu platzieren, als wäre es im eigenen Wohnzimmer, und ein Ruhen in sich selbst, das es ihr ermöglicht, sich auch im Massenschlafsaal noch einen privaten Raum zu schaffen.

Ihr Zuhause liebt sie trotzdem: Als Standquartier, um Kraft zu schöpfen und ihre Reiseerinnerungen zu sammeln – bis es wieder losgeht.

Vor dem Aufbruch

Sie ist eine Abenteurerin in Filzlatschen, nicht hier und nicht richtig dort. Ihr Leipzig ist das Wohnzimmer der Nation, ein behäbiger Literatursalon, in dem verstaubtes Kabarett voller Klischees dargeboten wird.

Fettbemme einsfuffzig. Hier können Sie noch in D-Mark bezahlen. Ob wirklich noch jemand einen Sparstrumpf voller Markstücke unterm Bett hat?

Leipzig ist ein Ort für politisch korrekte junge Familien. Das Kind geht in den Waldkindergarten, die Pastinaken kommen vom Biobauern, und wer krank ist, geht erstmal zum Heilpraktiker. Spirituell interessierte können sich zwischen 20 Sorten Yoga entscheiden, es sei denn, sie fühlen sich doch mehr zur Tanztherapie im Rauchfrei-Cafe hingezogen. Das ist gerade Mode. Oder liegen die Flyer nur deshalb überall herum, weil niemand hingeht?

Leipzig ist kein Platz für Singles. Leipzig ist ein Ort zum Ankommen. Wer seinen Platz noch nicht gefunden hat, braucht hier nicht zu suchen.

Ihre Wohnung ist eine Oase. Hier herrscht ein ständiger Kampf zwischen Ordnung und Chaos. Wer sie besucht, vergisst die Scham über den eigenen Staub in den Ecken. Es gibt Wichtigeres. Bei ihr trinkt man den weltbesten Kaffee, und ihre Suppen können Leben retten.
Es ist oft still bei ihr. Der Lärm des Lebens bleibt draußen auf der Straße. Die Katze schnurrt in der Ecke, eng zusammengerollt und friedlich. Ein schöner, großer Kater mit gemütlicher Wesensart.

Wie der Herre, so's G'scherre, grinst sie mich an.

Diese Stille. Was macht sie eigentlich den ganzen Tag? Ich stelle mir vor, wie sie in ihrem Sessel den ersten Kaffee trinkt. Zum Arbeiten hat sie den größten Schreibtisch der Welt - die ganze Stadt. Mit Zettel und Stift sitzt sie im Zoo und schaut den Zebras nach, sie wandert durch den Park und verbringt Stunden im Cafe.
Es zieht sie nach draußen. Ein Zuhause kann man nur schätzen, wenn man viel unterwegs ist - genau wie das Unterwegssein ein Basislager, eine Heimat braucht, wohin man zurückkehren kann.

Ihr Basislager, ihre Heimat, ihr Rückzugsort: Ein kleines, helles Zimmer von kühler Klarheit oder sonniger Wärme, je nach Wetterlage. Hier steht das Bett, Platz des himmlischen Friedens. Ein schlichter Schreibtisch steht daneben, darüber ein Regal. Hier geht sie in sich, hier kommt sie zu sich. Hier betritt sie die Welt ihrer Erinnerungen. Der ganze Jakobsweg ist hier, in Briefen, Büchern, Fotos, Aufzeichnungen. Eine Tür, die immer offen ist.

Hier sitzt sie oft und träumt von neuen Abenteuern, von der Liebe und vom Glück. Die Wanderschuhe stehen schon bereit.


> Dieser Text entstand im Oktober 2007 in Leizig bei einer Schreibwerkstatt mit Ingeborg Woitsch zum Thema Übergänge.

"Die Welt ist nicht ein Fenster, die Welt ist ein Spiegel"

Unter dieser Überschrift waren die Teilnehmerinnen eingeladen, zu untersuchen, inwieweit sie anhand ihrer näheren und ferneren Umgebung (mein Zimmer - meine Wohnung – mein Viertel –
meine Stadt) ein Bild von sich selbst skizzieren können.

Wo gibt es Parallelen?
Was gefällt mir, was nicht?
Was habe ich mir selbst ausgesucht, wo bin ich "reingeraten"?
Wie passt die Geschwindigkeit meiner Umgebung zu mir?
Finde ich eher Offenes oder Beschützendes?
Ist meine Wohnung ein- oder "ausladend"?

Freitag, 19. Februar 2010

Glück


Nichts mehr,
was Dich treibt,
nichts mehr,

was Dich davon abhält,
Dir eine schöne Tasse Tee zu kochen,
Pergolesis Stabat Mater zu hören,
in den Schnee zu blicken,
die Katze zu streicheln,
in dem abgewetzten Sessel zu sitzen,
das Geschirr zu spülen,
achtsam, Stück für Stück,

vielleicht sogar
den Boden zu wischen,
ein Gedicht zu lesen,
in dem vergilbten Buch mit Leineneinband,

vielleicht selbst
ein paar Buchstaben
aufs Papier zu setzen.


> Dieses Gedicht entstand im Herbst 2008 im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin.
Den Teilnehmerinnen waren nur die ersten drei Zeilen als Inspiration für ein eigenes Gedicht vorgegeben.

Das ursprüngliche Gedicht von Peter Härtling liest sich so:

Mittwoch, 3. Februar 2010

Beipackzettel


Du bist Wissenschaftlerin und hast ein neues, wichtiges Medikament entwickelt, das auf der Welt dringend gebraucht wird. Auf einem Kongress stellst Du das neue Heilmittel vor.

Die Zuhörer wollen wissen, für wen das Medikament gedacht ist und was es bewirkt – auch auf lange Sicht. Wirkt das Heilmittel nur in der Gegenwart, oder hat es auch eine Wirkung auf Vergangenheit und Zukunft des Patienten? Was ist für Dich der wichtigste Aspekt der neuen Arznei?

30-45 Minuten. Viel Spaß!

Und hier ist meins.


Selbstliebosan®

Ein Medikament zur sofortigen Weckung verlorengegangener Selbstliebe.

Anwendungsgebiete:
Bei psychischen Leiden wie Depression, Angst, chronischem Missmut oder Ärger. Auch bei Beziehungsproblemen. Überall dort, wo eine selbstliebende Haltung gefordert ist.

Wirkung:
Selbstliebosan® bewirkt ein sofortiges Ansteigen des Selbstliebe-Pegels. Die entsprechenden Hirn- und Herzareale werden nachhaltig angeregt. Einmal erzielte Wirkungen sind dauerhaft.

Die Patienten merken meist ein sofortiges Nachlassen ihres Minderwertigkeitsgefühls. Sie bekommen wieder Lust am Leben und trauen sich neue Dinge zu. Sie vertreten klar ihre Meinung und können liebevolle, auf Unabhängigkeit beruhende Beziehungen eingehen. Sie erziehen couragierte, selbstbewusste Kinder.

Nebenwirkungen:
Hang zur Selbstverwöhnung. Manche Patienten ziehen sich von der Menschheit zurück, sind dabei aber glücklich, weil sie sich selbst genug sind.

Besonderheiten:
Durch eine neuartige Technik ist es uns gelungen, die Wirkung auf Vergangenheit und Zukunft auszudehnen. Nach Einnahme von Selbstliebosan® vergessen die Patienten, dass sie eine schlechte oder von Unsicherheit geprägte Kindheit hatten. Sie können sich plötzlich fühlen und verhalten, als seien sie ihr Leben lang geliebt worden.

Selbstliebosan® wirkt auch im Vorfeld von Missgeschicken bis hin zu Traumata. Unter Selbstliebosan® können schlimme Erlebnisse auf gesunde Weise betrauert und bedauert werden, ohne dass der Patient die Schuld auf sich nimmt.

Hinweis des Herstellers:
Selbstliebosan® löst unser vorheriges Präparat Liebosan® ab, da Selbstliebosan® die Wirkung von Liebosan® automatisch mit abdeckt.

Dieser Text entstand im Herbst 2008 bei der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin. Ebenfalls im Gespräch war eine "Kofferpille", die es ermöglicht, den Inhalt von Koffern und Taschen Mitreisender auf einen Blick zu erfassen und darüber schnell Verständnis für deren persönliche Situation zu entwickeln.

Die Original-Schreibanregung stammt aus dem sehr empfehlenswerten Buch "Kreatives und therapeutisches Schreiben" von Silke Heimes.

Samstag, 30. Januar 2010

Mein Leben als Möbelstück


Wenn Du ein Möbelstück wärst, was wärst Du?
Wie würdest Du aussehen? Wärst Du alt, neu, modern, verspielt, bequem oder unbequem, hölzern, aus Metall, hart, weich, praktisch oder schön? Und was hättest Du schon alles erlebt?

Was hättest Du als Möbelstück zu erzählen?
30- 45 Minuten. Viel Spaß.

Und hier ist meine Variante.

Der alte Sessel

Ich habe schon viele Umzüge mitgemacht. Die Spuren der fremden Orte, der Treppenhäuser, der Umzugswagen, der vielen Arme und Hände, die mich in Wohnungen hinein und aus ihnen wieder hinaus getragen haben, sieht man deutlich. Ich bin nicht mehr so straff wie am Anfang, bin nachgiebig und weich geworden, und hier und da guckt eine Sprungfeder heraus.

Mein Polster ist abgewetzt und fleckig, und so sehr ich mich auch bemühe, sie zu halten, ich muss doch zugeben, dass hier und da ein wenig meiner Füllung herausrieselt und sich unter mir sammelt, wo die Putzfrau sie dann allwöchentlich wegsaugt.

Einer meiner Füße ist gebrochen und notdürftig wieder angeleimt – und doch stehe ich stabil und wundere mich manchmal selbst über meine Standhaftigkeit und darüber, wie viel Gewicht ich aushalte.

Ich war nie ein zierlicher Sessel mit zarten Füßchen, sondern immer schon ein großes Möbelstück, das nicht in jede Ecke passt. Nicht jeder möchte so ein sperriges Stück bei sich zu Hause haben, doch für meine Besitzerin bin ich ein Lieblingsstück. Und jeder, der in mir Platz nimmt, vergisst ganz schnell die Schäbigkeit meiner Polster und die Kratzer auf meinen Armlehnen, und lässt sich einfach nieder.

Ich bin ein Ort, ein Platz, an dem die Menschen zur Ruhe und zu sich selbst kommen inmitten des hektischen Lebens. Auch die Katze, der ich meine abgewetzten Stellen verdanke, liebt mich sehr.

Ich habe schon viel erlebt, und stehe nun an einem ruhigen Platz zwischen Fenster und Ofen, wo ich die Wärme und zugleich den Blick nach draußen genießen kann.

Ich werde nie wieder wie neu sein, aber ich bin ein Lieblingsstück. Und wenn meine Besitzerin mich pflegt und vielleicht auch meine Blessuren flickt und repariert, habe ich noch ein langes Leben vor mir.

Dieser Text entstand im Frühjahr 2009 im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin.

Es scheint ebenso spannend zu sein, sich vorzustellen, man sei ein Musikinstrument. Hinweise auf diese und andere Metaphern-Übungen finden sich in dem Buch "Wörter bauen Brücken" von Gisela Rees-Hartjes.

Und was wärst Du, wenn Du ein Fahrzeug wärst?
"Ich habe schon ein paar Beulen, aber mit mir ist immer noch ganz schön viel los."

Oder ein Küchengerät?
"Sie holt mich nur raus, wenn sie was von mir will."

Ein Zeichenutensil?
"Auch wenn es draußen grau ist, mache ich alles bunt."

Etwas aus Papier?
"Jemand hat mich geschrieben und nie abgeschickt."

Ein Kleidungsstück?
"In mir kann man sich verstecken. In mir ist es immer schön warm."

Freitag, 1. Januar 2010

Rondell zu Neujahr


Es kehrt Stille ein.
Schweigend bereiten wir dem Raum
für das, was kommen will.
Es kehrt Stille ein.
Wir stellen Blumen hin dem Neuen.
Wir öffnen die Tür.
Es kehrt Stille ein.
Schweigend bereiten wir den Raum.

Samstag, 12. Dezember 2009

Berühmt werden mit etwas, das ich liebe

Der alternative Lebenslauf – eine Schreibübung aus der Poesietherapie.

Der alternative Lebenslauf ist eine Gelegenheit, sich und sein Leben noch einmal ganz neu zu erfinden. Alles ist möglich. Wie hätte Dein Leben noch sein können?

Die folgenden Anregungen können Dir dabei helfen.
Stell Dir vor, Du bist Teilnehmerin bei einem Kongress und stellst Dich vor. Wo bist Du geboren? Bist Du männlich oder weiblich? Wer sind Deine Eltern, wie waren Sie, als Du Kind warst? Hattest Du Geschwister? In welche Landschaft wurdest Du hineingeboren, bist Du ein Kind des Meeres oder der Berge? Was waren die Lieblingsorte Deiner Kindheit, was hast Du am liebsten gespielt? Auf welchen Wegen bist Du zu Deinem Beruf gelangt? Wie lebst Du heute? Hast Du eine eigenen Familie gegründet? Welche Menschen umgeben Dich? Was ist Dein jetziges Alter? Und was ist Dein größtes zukünftiges Projekt?

Wenn Du die Übung machen willst, nimm Dir jetzt Papier und Stift und eine Stunde Zeit. Es macht mehr Spaß, wenn Du den folgenden Lebenslauf erst liest, wenn Du einen eigenen geschrieben hast. Aber natürlich kannst Du ihn auch zuerst lesen und die Übung irgendwann später machen.


Berühmt werden mit etwas, das ich liebe

Ich bin in der Wildnis Alaskas aufgewachsen. Jeder kennt die harten Winter Alaskas, aber niemand weiß, wie wunderbar hier die Sommer sind, wenn alles grün und üppig ist und die Flüsse vom Schmelzwasser anschwellen.

Mein Vater ist jeden Tag eine Stunde bis nach Anchorage gefahren, um an der Universität Anthropologie zu lehren. Meine Mutter war Krankenschwester in einem mobilen Ärzteteam, das Menschen versorgt, die weit entfernt von der Stadt leben – so wie wir. Meine vier Brüder und ich mussten mit dem Bus eine Dreiviertelstunde in den nächsten Ort zur Schule fahren, im Winter oft noch länger.

Die Belohnung für die Einsamkeit war Freiheit: Uns gehörten Bäume, Wasserfälle, der Fluss und die Felsen. Als einziges Mädchen mit vier Brüdern bin ich nicht zimperlich geworden, so viel ist sicher. Am Ende eines Tages waren meine Knie genauso aufgeschürft wie alle anderen. Aber im Gegensatz zu den Jungs machte ich nebenbei meine Schularbeiten, denn ich wollte Naturforscherin werden.

Mit 20 begann ich, Biologie zu studieren. Nach ein paar Semestern, in denen ich vor lauter Molekülen keine Blätter und Tiere gesehen hatte, schmiss ich mein Studium und begann zu zeichnen und zu fotografieren. Mit der Kamera entdeckte ich meine Art, der Natur zu huldigen. Wochenlang habe ich in Astgabeln geh0ckt, um einen seltenen Vogel aufzunehmen. Ich habe immer schlammige oder staubige Hosen vom langen Knien vor außergewöhnlichen Pflanzen.

Bei einer Reise nach Kanada, wo ich Aufnahmen für den National Geographic machte, lernte ich Tom kennen. Tom hat immer schmutzige Fingernägel und kann einer trächtigen Kuh ansehen, wann sie kalben wird. Er ist Farmer, Tierarzt und Musiker. Er hat große Hände und kann gut zupacken. Wir beide lieben die Natur, jeder auf seine Weise. Das hält uns zusammen.
Tom ist mein Zuhause, zu dem ich immer wieder gern zurückkehre.

Meine Fotos bekommen nicht nur von der Wissenschaft viel Aufmerksamkeit, sondern auch von der Kunst. "Ein ganz besonderes Auge", lobt die Presse. Mein Geheimnis verrate ich gern: Staunen. Ich bin neugierig auf das Leben um mich herum, und ich liebe es. Jeden Grashalm, jeden Stein, jede Mücke. Das ist alles.

Ich bin jetzt Mitte 30. Vor zwei Jahren haben wir die Farm gekauft – in Kanada, wo die Winter etwas milder sind und die Natur genauso wild, rauh und üppig wie in Alaska. Wir leben nicht weit weg von der Universitätsstadt, aber weit genug, um unsere Ruhe zu haben – von Waschbären und Zikaden mal abgesehen.

Ich bin immer noch so viel unterwegs, dass ich Vielfliegerrabatt bekommen. Ich habe Ausstellungen, und reise, um Reportagefotos zu machen. Ab und zu unterstütze ich ein Forschungsteam. Ich habe schon die seltsamsten Sachen gegessen und kann in vielen Sprachen fragen, wo das Klo ist.

Tom nennt mich manchmal grinsend sein "Businessweibchen". Doch wenn er mein Atelier betritt und die Fotos an den Wänden sieht, weiß er, dass wir eine Sprache sprechen. Er liebt das Mädchen mit den aufgeschlagenen Knien, und dafür liebe ich ihn.

Mein nächstes Projekt heißt Familie. Ich bin im vierten Monat schwanger. Was das für eine Fotografin bedeutet? Jeden Moment festhalten, einfangen – in noch nie gesehen Bildern zeigen, was das ist: Liebe. Geboren werden, die Welt erforschen, wachsen, sich entwickeln.
Hier schließt sich mein Kreis, hier werde ich Anthropologin, erforsche die Menschen, wie mein Vater. Meine Ausstellung "Das Tier Mensch" wird vermutlich schon nächstes Jahr hier zu sehen sein. Und sie wird wachsen, so lange ich lebe.

Dieser Text entstand am 27.3.09 im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Über das Haikuschreiben

Erfahrungsbericht im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch, Frühjahr 2009

Mit dem Wortpinsel
male ich, was ich sehe
beim Haikuschreiben.

Im hellen Mondlicht
glänzt gelb der Kopf des Fuchses
beim Müllcontainer

Seite an Seite
auf Futtersuche im Müll
Fuchs und Igel

Eine Rapsblüte
am Fuße des Pflaumenbaums
leuchtet auch – allein.

lange erwartet
da - durchs offene Fenster
der Duft von Bärlauch

Abends im Zimmer
meine schlafenden Katzen
himmlische Ruhe

Die kleinen Blüten
wie fein bestickte Stoffe
für Festtagskleider

Zwei helle Lichter
in der Kellerdunkelheit
Katze im Versteck

Vom grauen Himmel
lässt sich der Raps nicht stören
sieh nur sein Leuchten!

Gestern Löwenzahn
heute schon Pusteblumen
morgen nichts als Luft

Was soll man zum Haiku schon schreiben? Ein Haiku IST, nichts weiter. Es passiert, und man schreibt es auf. Na gut – aber was macht das Haikuschreiben mit mir? Poesietherapeutisch?

Es verankert mich in der Gegenwart und in den Jahreszeiten. Ich lasse meine Blicke schweifen – na, irgendwelche Haiku zu sehen? Da – eine einzelne Rapspflanze, und trotzdem so leuchtend. Oh, der Sommerregen. Noch nie habe ich so genau hingehört.

Haiku schreiben ist beruhigend einfach. Es gibt beruhigend klare Regeln. Deshalb kann ich nichts falsch machen, kann keine falsche Entscheidung treffen. Das ist angenehm, in einem Leben voller Entscheidungen.

In schwierigen Zeiten, wenn ich sehr mit mir selbst beschäftigt bin, zieht das Haikuschreiben meine Gedanken von mir weg zur Welt – zu etwas Größerem, zu dem, was alle Menschen gemeinsam haben, und zu dem immer gleichen Lauf der Jahreszeiten – denn in den kleinen Momenten steckt sehr wohl immer auch Allgemeines – der Raps blüht gelb, auch wenn ich traurig bin, und er wird auch nächstes und übernächstes Jahr wieder blühen, und das ist eine beruhigende Sicherheit.

Und im eigentlichen Moment des Haikuschreibens? Bin ich ganz konzentriert auf das, was ich tue. Da ist kein Platz für Grübeleien oder Abgelenktsein – ganz sicher nicht würde ich während der Arbeit an einem Haiku nebenbei im Internet surfen – denn meine Gedanken sind ganz bei der Sache, suchen Worte, beschwören Bilder herauf, zählen Silben – ein neumodisches Wort für dieses Versunkensein ist "Flow". Es ist eine angenehme Pause vom Grübeln über alle möglichen wichtigen und unwichtigen Probleme. Das spielt alles keine Rolle, im Augenblick zählen nur die Silben und Worte.

Anfangs habe ich versucht, schwierige Zusammenhänge in die wenigen Silben zu pressen – habe interpretiert, Metaphern für meine eigene innere Welt gesucht und mich dabei sehr angestrengt.

Seit ich mehr über das Haikuschreiben gelesen habe, weiß ich seine einfache Natur zu schätzen: Es soll gerade nicht interpretiert, nachgedacht, bewertet werden. Wenn es um Rapsblüten geht, geht es wirklich nur um Rapsblüten und mal nicht um mein gebrochenes Herz. Und das (jetzt wo ich es schreibe, entlockt es mir ein Schmunzeln) ist für mich eigentlich die größte Heilwirkung des Haiku:

Kopf aus, Augen auf.
Erleben statt grübeln
– wahrnehmen statt urteilen.

Alles darf sein.

Sonntag, 26. April 2009

Rondell

Der Raum, in dem ich lebe
passt in einen Rucksack.
Er ist unendlich weit,
der Raum, in dem ich lebe.
Jeden Morgen packe ich mein Leben ein.
Ich trage es mit mir herum.
Der Raum, in dem ich lebe
passt in einen Rucksack.

Samstag, 25. April 2009

Gnade

Der Moment,
in dem der Lärm des Kampfes
einer unendlichen Stille
und Müdigkeit weicht
und wir schlafen können
und träumen
und wieder aufwachen
und atmen

das ist das Geschenk
unendlichen Schmerzes.

Berghütte

sowohl vergessen
als auch geborgen

fliehen
zu Gefährtinnen in grün

demut
einsamkeit

Wunsch

Den Worten den Rücken kehren
still ist es ohne Gespenster
alles loslassen und wiederfinden
im klaren Wasser, im Stein
im Holz und in der Erde
dort, wo beim Aufwachen
im Tau der Regenbogen blitzt.