Samstag, 12. Dezember 2009

Berühmt werden mit etwas, das ich liebe

Der alternative Lebenslauf – eine Schreibübung aus der Poesietherapie.

Der alternative Lebenslauf ist eine Gelegenheit, sich und sein Leben noch einmal ganz neu zu erfinden. Alles ist möglich. Wie hätte Dein Leben noch sein können?

Die folgenden Anregungen können Dir dabei helfen.
Stell Dir vor, Du bist Teilnehmerin bei einem Kongress und stellst Dich vor. Wo bist Du geboren? Bist Du männlich oder weiblich? Wer sind Deine Eltern, wie waren Sie, als Du Kind warst? Hattest Du Geschwister? In welche Landschaft wurdest Du hineingeboren, bist Du ein Kind des Meeres oder der Berge? Was waren die Lieblingsorte Deiner Kindheit, was hast Du am liebsten gespielt? Auf welchen Wegen bist Du zu Deinem Beruf gelangt? Wie lebst Du heute? Hast Du eine eigenen Familie gegründet? Welche Menschen umgeben Dich? Was ist Dein jetziges Alter? Und was ist Dein größtes zukünftiges Projekt?

Wenn Du die Übung machen willst, nimm Dir jetzt Papier und Stift und eine Stunde Zeit. Es macht mehr Spaß, wenn Du den folgenden Lebenslauf erst liest, wenn Du einen eigenen geschrieben hast. Aber natürlich kannst Du ihn auch zuerst lesen und die Übung irgendwann später machen.


Berühmt werden mit etwas, das ich liebe

Ich bin in der Wildnis Alaskas aufgewachsen. Jeder kennt die harten Winter Alaskas, aber niemand weiß, wie wunderbar hier die Sommer sind, wenn alles grün und üppig ist und die Flüsse vom Schmelzwasser anschwellen.

Mein Vater ist jeden Tag eine Stunde bis nach Anchorage gefahren, um an der Universität Anthropologie zu lehren. Meine Mutter war Krankenschwester in einem mobilen Ärzteteam, das Menschen versorgt, die weit entfernt von der Stadt leben – so wie wir. Meine vier Brüder und ich mussten mit dem Bus eine Dreiviertelstunde in den nächsten Ort zur Schule fahren, im Winter oft noch länger.

Die Belohnung für die Einsamkeit war Freiheit: Uns gehörten Bäume, Wasserfälle, der Fluss und die Felsen. Als einziges Mädchen mit vier Brüdern bin ich nicht zimperlich geworden, so viel ist sicher. Am Ende eines Tages waren meine Knie genauso aufgeschürft wie alle anderen. Aber im Gegensatz zu den Jungs machte ich nebenbei meine Schularbeiten, denn ich wollte Naturforscherin werden.

Mit 20 begann ich, Biologie zu studieren. Nach ein paar Semestern, in denen ich vor lauter Molekülen keine Blätter und Tiere gesehen hatte, schmiss ich mein Studium und begann zu zeichnen und zu fotografieren. Mit der Kamera entdeckte ich meine Art, der Natur zu huldigen. Wochenlang habe ich in Astgabeln geh0ckt, um einen seltenen Vogel aufzunehmen. Ich habe immer schlammige oder staubige Hosen vom langen Knien vor außergewöhnlichen Pflanzen.

Bei einer Reise nach Kanada, wo ich Aufnahmen für den National Geographic machte, lernte ich Tom kennen. Tom hat immer schmutzige Fingernägel und kann einer trächtigen Kuh ansehen, wann sie kalben wird. Er ist Farmer, Tierarzt und Musiker. Er hat große Hände und kann gut zupacken. Wir beide lieben die Natur, jeder auf seine Weise. Das hält uns zusammen.
Tom ist mein Zuhause, zu dem ich immer wieder gern zurückkehre.

Meine Fotos bekommen nicht nur von der Wissenschaft viel Aufmerksamkeit, sondern auch von der Kunst. "Ein ganz besonderes Auge", lobt die Presse. Mein Geheimnis verrate ich gern: Staunen. Ich bin neugierig auf das Leben um mich herum, und ich liebe es. Jeden Grashalm, jeden Stein, jede Mücke. Das ist alles.

Ich bin jetzt Mitte 30. Vor zwei Jahren haben wir die Farm gekauft – in Kanada, wo die Winter etwas milder sind und die Natur genauso wild, rauh und üppig wie in Alaska. Wir leben nicht weit weg von der Universitätsstadt, aber weit genug, um unsere Ruhe zu haben – von Waschbären und Zikaden mal abgesehen.

Ich bin immer noch so viel unterwegs, dass ich Vielfliegerrabatt bekommen. Ich habe Ausstellungen, und reise, um Reportagefotos zu machen. Ab und zu unterstütze ich ein Forschungsteam. Ich habe schon die seltsamsten Sachen gegessen und kann in vielen Sprachen fragen, wo das Klo ist.

Tom nennt mich manchmal grinsend sein "Businessweibchen". Doch wenn er mein Atelier betritt und die Fotos an den Wänden sieht, weiß er, dass wir eine Sprache sprechen. Er liebt das Mädchen mit den aufgeschlagenen Knien, und dafür liebe ich ihn.

Mein nächstes Projekt heißt Familie. Ich bin im vierten Monat schwanger. Was das für eine Fotografin bedeutet? Jeden Moment festhalten, einfangen – in noch nie gesehen Bildern zeigen, was das ist: Liebe. Geboren werden, die Welt erforschen, wachsen, sich entwickeln.
Hier schließt sich mein Kreis, hier werde ich Anthropologin, erforsche die Menschen, wie mein Vater. Meine Ausstellung "Das Tier Mensch" wird vermutlich schon nächstes Jahr hier zu sehen sein. Und sie wird wachsen, so lange ich lebe.

Dieser Text entstand am 27.3.09 im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch in Berlin.

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