Donnerstag, 14. Mai 2009

Über das Haikuschreiben

Erfahrungsbericht im Rahmen der Poesietherapie-Ausbildung bei Ingeborg Woitsch, Frühjahr 2009

Mit dem Wortpinsel
male ich, was ich sehe
beim Haikuschreiben.

Im hellen Mondlicht
glänzt gelb der Kopf des Fuchses
beim Müllcontainer

Seite an Seite
auf Futtersuche im Müll
Fuchs und Igel

Eine Rapsblüte
am Fuße des Pflaumenbaums
leuchtet auch – allein.

lange erwartet
da - durchs offene Fenster
der Duft von Bärlauch

Abends im Zimmer
meine schlafenden Katzen
himmlische Ruhe

Die kleinen Blüten
wie fein bestickte Stoffe
für Festtagskleider

Zwei helle Lichter
in der Kellerdunkelheit
Katze im Versteck

Vom grauen Himmel
lässt sich der Raps nicht stören
sieh nur sein Leuchten!

Gestern Löwenzahn
heute schon Pusteblumen
morgen nichts als Luft

Was soll man zum Haiku schon schreiben? Ein Haiku IST, nichts weiter. Es passiert, und man schreibt es auf. Na gut – aber was macht das Haikuschreiben mit mir? Poesietherapeutisch?

Es verankert mich in der Gegenwart und in den Jahreszeiten. Ich lasse meine Blicke schweifen – na, irgendwelche Haiku zu sehen? Da – eine einzelne Rapspflanze, und trotzdem so leuchtend. Oh, der Sommerregen. Noch nie habe ich so genau hingehört.

Haiku schreiben ist beruhigend einfach. Es gibt beruhigend klare Regeln. Deshalb kann ich nichts falsch machen, kann keine falsche Entscheidung treffen. Das ist angenehm, in einem Leben voller Entscheidungen.

In schwierigen Zeiten, wenn ich sehr mit mir selbst beschäftigt bin, zieht das Haikuschreiben meine Gedanken von mir weg zur Welt – zu etwas Größerem, zu dem, was alle Menschen gemeinsam haben, und zu dem immer gleichen Lauf der Jahreszeiten – denn in den kleinen Momenten steckt sehr wohl immer auch Allgemeines – der Raps blüht gelb, auch wenn ich traurig bin, und er wird auch nächstes und übernächstes Jahr wieder blühen, und das ist eine beruhigende Sicherheit.

Und im eigentlichen Moment des Haikuschreibens? Bin ich ganz konzentriert auf das, was ich tue. Da ist kein Platz für Grübeleien oder Abgelenktsein – ganz sicher nicht würde ich während der Arbeit an einem Haiku nebenbei im Internet surfen – denn meine Gedanken sind ganz bei der Sache, suchen Worte, beschwören Bilder herauf, zählen Silben – ein neumodisches Wort für dieses Versunkensein ist "Flow". Es ist eine angenehme Pause vom Grübeln über alle möglichen wichtigen und unwichtigen Probleme. Das spielt alles keine Rolle, im Augenblick zählen nur die Silben und Worte.

Anfangs habe ich versucht, schwierige Zusammenhänge in die wenigen Silben zu pressen – habe interpretiert, Metaphern für meine eigene innere Welt gesucht und mich dabei sehr angestrengt.

Seit ich mehr über das Haikuschreiben gelesen habe, weiß ich seine einfache Natur zu schätzen: Es soll gerade nicht interpretiert, nachgedacht, bewertet werden. Wenn es um Rapsblüten geht, geht es wirklich nur um Rapsblüten und mal nicht um mein gebrochenes Herz. Und das (jetzt wo ich es schreibe, entlockt es mir ein Schmunzeln) ist für mich eigentlich die größte Heilwirkung des Haiku:

Kopf aus, Augen auf.
Erleben statt grübeln
– wahrnehmen statt urteilen.

Alles darf sein.