Samstag, 18. Juni 2011

Miniaturen


Eine weibliche Verwandte
Meine Oma war eine vornehme alte Frau mit schlanken Händen und Ringen an den Fingern. Ihre Handgelenke waren so dünn, dass enge Armreifen darumpassten. Sie fand meinen Vater ungehobelt, weil er etwas Grobes hatte, furzte und fluchte. Sie war immer zurückhaltend übte Kritik nur in Form leiser Ironie. Gleichzeitig beugte sie sich zähneknirschend den Regeln im Haus meiner Eltern. Sie ertrug tapfer, als mein Opa starb, und machte jedes Jahr brav eine Kreuzfahrt. Wenn man sie fragte, wie es ihr gehe, bewahrte sie Haltung. Nur manchmal klang Ihre Stimme belegt, und sie sagte, traurig und wütend zugleich: "Scheiße!"


Die Farbe Rot
Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal meine Haare mit Henna färbte. Ich war 16 und hatte wochenlang darum gebettelt, ohne dass meine Eltern mehr dazu sagten als "Du spinnst wohl!".
Als ich es endlich tat und eines Samstags morgens mit leuchtend roten Haaren zum Frühstückstisch kam, mussten sie zugeben, dass mir die Farbe gut stand. Ich habe seitdem lange und kurze Haare gehabt, aber nie mehr meine Originalhaarfarbe getragen – die erste grauen Härchen bemerke ich nur, wenn der Haaransatz herausgewachsen ist.


Ein Geräusch
Ich habe nie gewusst, wie mich das Kreischen von Möwen an die letzten Tage mit Jonathan in Santiago de Compostela erinnert.
Erst als ich wieder dort war, im Spätsommer 2008, nahm ich sowohl das Möwengeschrei als auch den Geruch vom Meer wahr. Santiago hat ein kühles, luftiges Klima. In eine andere Zeit zurückversetzt, wanderte ich durch die Stadt und versuchte, durch den Tränenschleier in meinen Augen, mich selbst wiederzufinden.


Meine Grundschullehrerin
Ich erinnere mich an meine Klassenlehrerin in der Grundschule.
Frau Kley war eine strenge Person mit einem großen Herzen. Sie hatte braunes, störrisches Haar und viele kleine Falten um die Augen. Meist trug sie beigefarbene Seidenblusen mit Puffärmeln und Schleife und dazu einen konservativen Rock aus kariertem Wollstoff und Schuhe mit breiten Absätzen. Sie sprach ein abgehacktes, schnelles Rheinisch. Wenn man brav war, malte sie einem ein Sönnchen ins Heft. Für zehn Sönnchen konnte man sich bei ihr einen Aufkleber aussuchen. Wer frech war oder schwätzte, bekam einen Knuff.


Ein Essen
Ich erinnere mich nicht, was ich anhatte, als wir im Daitokai in Köln meinen 18. Geburtstag feierten. Woran ich mich erinnere, ist ein feierliches Staunen, der Geruch von heißem Öl und das Knistern der Fischstücke und Muscheln, die auf einer Steinplatte kurz angebraten wurden, bis sie eine feste Konsistenz bekamen. Ein Koch war nur für uns zuständig und hantierte kunstvoll mit einem scharfen Messer. Meine Großeltern, mein Freund Axel und ich müssen festlich angezogen gewesen sein, denn ein Besuch im Daitokai kostete 400 Mark. Ich erinnere mich nicht an die Fahrt nach Hause, aber daran, auf der Treppe zu meinem Zimmer bei der Rückkehr rote Rosen in Bierflaschen standen, auf jeder Stufe eine. Achtzehn Stück.


Regen
Es regnete in Strömen, als Bernard und ich von Santiago nach Arco wanderten. Neblig die Eukalyptusbäume in den Wäldern, rauschende Bäche die lehmigen Wege. Wir wurden klatschnass. In der Bar dampften die Klamotten, ich konnte kaum warten, also liefen wir im Regen weiter. Ich fing an, einen holprigen Wetterbericht auf Spanisch vorzutragen, während wir an den flachen, langgestreckten Gebäuden des galicischen Fernsehens vorbeikamen, und brachte Bernard damit zum Lachen.

(September 2009, nach einer Anregung aus dem Buch "Old friend from far away" von Natalie Goldberg. Für jede Übung hatte ich 3 Minuten Zeit, gemessen anhand eines Stundenglases mit rotem Sand.)

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